Mai
15

Es ist ein kühler und zu diesem Zeitpunkt noch dunkler Morgen um 5.30 Uhr, als das Team „ZMK A8070-8074, 4 Ex. Parus musealis“ für das Birdrace 2017 an den Start geht. Das Team, gegründet im Zoologischen Museum Kiel, besteht aus Nena Weiler, Franz Wenzl, Jonas Geburzi und mir.

Die Stimmung ist gut, als man sich am Kieler Hauptbahnhof mit den Fahrrädern trifft, aber vor dem Einstieg in den Zug nach Preetz kann nicht mal eine Straßentaube gesichtet oder eine Amsel gehört werden. Auch aus dem Zug sind in den ersten Minuten keine Vögel zu entdecken – ein schlechtes Omen? Um 05.55 Uhr wird endlich das erste Ergebnis notiert – Kanadagänse zwischen Elmschenhagen und Preetz.

Um 6.50 Uhr an der Pohnsdorfer Stauung, unserem ersten Spot, angekommen, einem landschaftlich abwechslungsreichen Gebiet aus sanften Hügeln, Bäumen und Feuchtwiesen mit Wasserflächen, wird es ernst. Nach einigen vorangegangenen Standardbeobachtungen präsentiert sich uns ein Kuckuck wunderbar frei auf einer Baumkrone. Mit Licht ist noch nicht viel, die gerade aufgehende Sonne hängt hinter einer dicken Wolkendecke und einem zarten Nebelschleier.


Pohnsdorfer Stauung

Auf dem Wasser wird es interessant. Höckerschwäne, einige Gründelenten und ein scheinbar exklusiv für uns eingeflogener Silberreiher können notiert werden sowie u. A. ein Feldschwirl („Kommt da ein Fahrradfahrer?“). Wir finden uns am Ende des Weges in einer Beobachtungshütte ein. Der lange Aufenthalt lohnt sich: Neben anderen Arten entdecken wir nach und nach Bruchwasserläufer, brütende Bekassinen, Rohrweihen und Sandregenpfeifer. Nach einiger Diskussion und vielen Vergleichen via Aufnahmen wird der Rohrsänger als Schilfrohrsänger verbucht, kurz danach durch das Spektiv einwandfrei bestimmt. Ein Ölkäfer stattet unserem Team auch noch einen Besuch ab.


Violetter Ölkäfer

Weiter geht es zum Postsee, unterwegs Schwalben (meine ersten dieses Jahr – wobei das auf noch viele weitere Arten zutrifft) und… Sprosser? Bis zum Abend wird noch gezögert, den Vogel einzutragen, da er uns nur eine sehr kurze Einlage seines Gesanges gegeben hat.

Am unteren Postsee dann ein toller Anblick: Im (immer noch verhangenen) Sonnenaufgang Mückenschwärme, so weit das Auge reicht. Die Sicht auf das gegenüberliegende Seeufer wird durch die Insekten erschwert, aber wir entdecken trotzdem Trauerseeschwalben, Zwergmöwen (meine Erstsichtung), Flussregenpfeifer und Tafelenten. Die hier erwarteten Rothalstaucher halten sich leider zurück, dafür schallt das dumpfe „Uuu-pfomp“ der Rohrdommel über den See. Auf den Feuchtwiesen halten wir noch Ausschau nach Schnepfen, aber es herrscht überraschend tote Hose.


Das Team bei der Arbeit

10 Uhr, zurück am Bahnhof Preetz. Der Zug rollt pünktlich ein, ist aber überfüllt mit Fußballfans und Polizisten – wir hatten unglücklicherweise verdrängt, dass Holstein heute um den Aufstieg spielt. Es sollte nicht unsere letzte Begegnung werden.

Also eine halbe Stunde warten oder auf dem Rad die Schwentine entlang? Wir entscheiden uns für letzteres und fahren über das Kloster Preetz bis zum Rosensee. Die Strecke ist ein traumhafter Wanderweg, aber auch mit dem Fahrrad einigermaßen bezwingbar. Im Wald ergibt sich für die Liste jedoch wenig neues. Plötzlich seltsame Geräusche, wir halten an. Wir erwarten einen tropischen Gefangenschaftsflüchtling, doch nach längerem Beobachten wird klar: Das muss ein Eichelhäher sein! Erstaunlicherweise vorher noch nicht gesehen, wird er um 10.21 Uhr notiert. Eine Stunde später an der weißen Brücke am Rosensee dann drei Eisvögel.


Graugans

Kurz nach der Brücke der Hinweis: 700 Meter bis zum Bahnhof Raisdorf. Wir entscheiden uns, bis zur Schwentinemündung zu fahren. Ungefähr 200 Meter weiter verabschiedet sich Nenas Kurbel samt Rahmenteil vom Rest des Fahrrades, sodass wir es doch vorziehen, den Zug zu nehmen. Auf dem Weg begleitet uns ein Girlitz.

Am Kieler Hauptbahnhof bietet sich uns ein unheimliches Bild. Kiel spielt heute gegen Rostock, eine Begegnung, die von der Polizei als „Risikospiel“ eingestuft wird. Hunderte Polizisten, Kolonnen von Polizeibussen, eskortierte Rostocker Fans – und wir wollen doch nur Vögel gucken…

Erfreulicherweise kann der Bus nach Laboe zwischen den Polizeiautos halten und wir starten mit einer Abweichung von 3 Stunden von unserem eigentlichen Zeitplan nach Laboe.

Die Kieler Förde hat im Moment windbedingt wenig Wasser, sodass die Sandbank – unser angestrebter Spot in Laboe – Landverbindung hat, was Spaziergänger mit Hunden für die Begehung ausnutzen. Direkt am Strand wird ein großes Maifeuer mit Fete vorbereitet, Stimmen dröhnen aus den Lautsprechern – Es sieht nicht gut für uns aus. Bald entdecken wir aber, dass durch den Wasserstand weitere Sandbänke trocken liegen und sich darauf eine bunte Mischung Möwen und Limikolen eingefunden hat. Wir können Alpenstrandläufer, Steinwälzer, Zwergseeschwalbe und Mantelmöwe notieren, da überfliegt uns auch noch eine Raubseeschwalbe!


Küstenseeschwalbe

Zurück Richtung Kiel, Umstieg in den Bus nach Schönberg. Gegen 17 Uhr sind wir endlich da. Überraschend viele Eiderenten sind (noch?) auf der Ostsee. Ich kenne das Gebiet gut, die Erwartungen sind hoch – aber auf den ersten Kilometern den Deich entlang ist nicht viel los. Der Anfang des NSGs entschuldigt aber mit Braunkehlchen, dann geht es los: Grünschenkel, Rothalstaucher, überfliegender Fischadler und Seeadler, Schwarzkehlchen, mehrere Seeschwalbenarten, vier Sperber auf der Jagd und sogar ein kurzes Quäken einer Wasserralle. Wir vermissen aber schmerzlich Dorngrasmücken, Wiesenpieper und noch eine Handvoll anderer Arten, die hier sonst in bzw. auf jedem zweiten Busch sitzen. Wir harren aus, aber es ist nichts mehr zu holen. Eine mögliche Schweinswalsichtung bildet das Ende des Aufenthalts.


Seeschwalben-Nisthilfe bei Schönberg

Auf der Rückfahrt endlich Kraniche, aber wo sind die verdammten Weißstörche? Wir kommen bei Sonnenuntergang in Kiel an, mit Singvögeln in den Parks (Baumläufer?) ist nicht mehr viel los. Im Schrevenpark hätte man noch diverse Entenarten mitnehmen können, aber durch die einsetzende Dunkelheit wird es schwierig – Spießente, Schneegans und Nilgans (die wir bis zu diesem Moment den ganzen Tag nicht finden konnten) sind zu sehen, nur ein Bruchteil der anwesenden Arten. Auch schläft der Wanderfalke, der sonst gern auf dem Kraftwerksturm sitzt, heute natürlich wo anders. Schnell wird noch das kaputte Fahrrad ausgewechselt, dann geht es die Förde nach Norden hoch. Beim letzten Licht gegen 22 Uhr versuchen wir zwischen den Sportbooten auf der Förde noch die sonst häufigen Zwergtaucher zu entdecken, aber außer einem schlafenden Schwan ist kein Vogel zu sehen – nicht mal eine Möwe oder Stockente.

Wir finden uns noch in der Forstbaumschule ein, in der ich Tage zuvor Waldkauz und Waldohreule gehört habe. Wir fahren durch die Stille, halten kurz – und im Baum über uns ein schrilles „Ku-wit!“ des Waldkauzes, den wir sogar kurz erahnen können. Die Waldohreule bleibt aber stumm. Ein gemeinsamer Abend wird es leider nicht mehr, weil ich von der letzten Busfahrt etwas mulmig geschüttelt wurde und daher lieber ins Bett als in die Gastwirtschaft will.

Mein erstes  Birdrace war der intensivste Birdwatching-Tag, den ich je erlebt habe. Für meine Liste waren 5 neue Arten dabei, das Gesamtergebnis unseres Teams belief sich auf 107 Arten (Sieger ist Team „Cuxland“ mit grandiosen 178 Arten), womit wir uns im kanppen oberen Mittelfeld bewegen. Der Tag war super und ich hoffe, es wird nicht die letzte Birdingtour von „ZMK A8070-8074, 4 Ex. Parus musealis“ gewesen sein – vielleicht gibt es sogar ein Revival im nächsten Jahr. Dann aber ohne Risikospiel…