Aug
15

„Ist das vom Foto abgemalt?“

Dieser Frage muss ich mich sehr häufig stellen, wenn es um meine Zeichnungen geht. Für die meisten Fragenden ist sie eher rhetorisch, für Interessierte aber schwierig zu beantworten: Ja und Nein.

Aus diesen Situationen erwuchs schon früh der Wunsch, eine genaue Dokumentation über ein Bild anzufertigen, um daran zeigen zu können, dass mehr als ein einzelnes Foto hinter meinen Werken steht.

Im Mai 2016 begann ich die Arbeit an „Malawi“. Durch die lange Vorausplanung schien mir dieses Projekt sehr geeignet für ein solches Making-Of, das von der Idee bis zur Signatur des Originals den Arbeitsprozess begleiten sollte. Dabei ist der folgende Beitrag entstanden.

Making Of „Malawi“

 

Falken gehören zu meinen absoluten Favoriten unter den Vögeln. Ihr bedrückt-stolzer Blick, ihr Flug und ihre Gestalt haben für mich etwas ganz unbeschreibliches. Sie zu Zeichnen ist vielleicht einerseits ein Versuch, meine eigene Faszination zu ergründen, andererseits ein Versuch, dem Betrachter des Bildes etwas von dem zu vermitteln, was ich selbst fühle.

Für Sakerfalken interessiere ich mich schon seit einigen Jahren und habe sie auch bereits mehrfach gezeichnet. Nachdem ich mit diesen Tieren 2015 und Anfang 2016 auf verschiedenste Weise in Kontakt kam, merkte ich, dass es wieder Zeit für eine große Zeichnung ist.

Über einen Bekannten bekam ich den Kontakt zu einem Sakerfalken-Züchter. Nach einem ersten Besuch im April kam ich im Mai erneut, dieses Mal ausgestattet mit Zeit, Kamera und Zeichenmaterial. Wichtigstes Objekt meines Studiums wurde schnell „Malawi“, ein weiblicher Falke, der sehr menschenbezogen ist und sich entspannt aus der Nähe betrachten lies. Ich fotografierte sie möglichst umfangreich von allen Ansichten und begann vor Ort zu zeichnen. In der Voliere sitzend machte ich Skizzen von verschiedenen Haltungen, die der Vogel einnahm, aber auch von den Jungvögeln, die sich mit in der Voliere befanden und um mich herumstolperten.

Warum zeichne ich nicht direkt in der Voliere das Bild fertig?

Ich arbeite gern sehr sauber, fein und detailliert, was sich in der Umgebung eines Tiergeheges schwer umsetzen lässt. Auch die Ausstattung wie ein geeigneter Tisch und all meine Materialien lassen sich in der Nähe des Falken (der z.B. spontan neben mir ein ausgiebiges Bad nahm) schwerlich unterbringen – der hohe Detailgrad, in dem ich gern arbeite, setzt aber eine sehr nahe Ansicht des Vogels voraus. Für die Fertigstellung benötige ich letztendlich mehrere Tage, an denen ich das Tier immer vor mir haben müsste.

Für all das ist die Kamera eine gute Lösung für mich. Während ich Pose und Ausdruck des Vogels festhalte, fängt sie alle Details ein, die ich zur exakten Ausarbeitung am Arbeitsplatz benötige, aber nicht in den Skizzen festhalten konnte.

Der Arbeitsprozess

Als erstes legte ich auf Schmierpapier die Vorskizze an, eine Art grobe Planung: Was möchte ich zeichnen, welche Position, wohin geht der Blick, wo liegen die Elemente im Bild? Dabei pendelte der Vogel mal vor, mal zurück, ist mehr von  der Seite oder von hinten zu sehen. Dieser Prozess entsteht vollständig aus dem Kopf.

vorskizze

Nachdem ich mich für eine Darstellung geeinigt hatte, übertrug ich die kleine Skizze grob auf den A3-Zeichenkarton, auf dem das Bild ausgearbeitet werden sollte. Dabei führte ich von vornherein immer ein Blatt Schmierpapier unter dem Handrücken mit, um das Papier nicht zu verschmutzen oder die Pigmente zu verschmieren.
Nun begann ein Prozess, bei dem die Linien in mehreren Schritten von vielen lockeren auf zuletzt je eine exakte reduziert wurden. Dabei nahm ich mir die Fotos von Malawi zur Kontrolle: Wie lang genau ist im Verhältnis zum Kopf der Körper, die Handschwingenprojektion, der Schwanz?
Als nächstes wurde das Liniennetz der Federn über den Körper gelegt. Durch ein jahrelanges Studium des Vogelgefieders weiß ich sehr genau, welche Gefiedergruppen wie aussehen, wie groß sie sind, wie viele Federn sie (bei Falken) umfassen und wie die einzelnen Federn angeordnet sind. Auch hier dienten mir die Fotos zur Kontrolle, da „Malawi“ natürlich nicht wie ein schematisches Modell aussieht, sondern kleine individuelle Eigenarten hat.

skizzekörper

Die so entstandene Linienzeichnung muss sehr exakt sein, weil ich sie beim Colorieren meist nicht mehr verändere oder entferne. Es folgte das „Ausmalen“, bei dem ich vom Auge ausgehend die Zeichnung mit Farbstiften farblich und plastisch ausarbeitete. Dabei ging ich auf verschiedenste Art und Weise vor, mal Feder für Feder, mal ganze Flächen nacheinander mit einer Farbe bearbeitend, mal eine Kontur mit einem spitzen Bleistift noch härter absetzend. Mithilfe verschiedener Radiergummis konnte ich beliebig nacharbeiten, wobei besonders das weiche Knetradiergummi wichtig ist, um punktuell oder flächig aufzuhellen, da härtere Radiergummis sich mit der ölkreidehaltigen Miene der Polychromos Farbstifte schwertun.

körperwip

Ergänzend nutzte ich Sakerfalken-Federn, die ich in einer Federsammlung für genau solche Zwecke bereithalte, und attraktive Äste, die ich ebenfalls sammle, um sie als Inspiration nutzen zu können.

Ich versuchte, mindestens die interessantesten Schritte per Video festzuhalten, was nicht immer ganz einfach war. Auch die Kamera ist ein Beobachter, der den Künstler nervös machen kann. Ebenso ist die Angewohnheit, mit dem Gesicht bei der Arbeit dicht über dem Blatt zu hängen, einer guten Aufnahme nicht zuträglich. So habe ich letztendlich doch viel auf die Kamera verzichtet, da sie nicht das Ergebnis der Zeichnung beeinflussen sollte.

schreibtisch

Wenn dieser Bericht Ihnen gefallen hat und mehr Interesse an einem solchen „Blick hinter die Kulissen“ besteht, würde ich mich sehr freuen, wenn Sie mir einen Kommentar hinterlassen würden!

  1. Frank Gerdes

    Hallo Lisa/Harpiya,

    tolle Einblicke, die du gewährst! Gerne mehr davon, wobei learning by doing wahrscheinlich das Beste ist. Aber ich gucke halt doch gerne mal bei anderen und fortgeschritteneren Künstlern über die Schulter. Bin selbst Greifvogel- und Eulenfan und zeichne/male auch gerne. Leider viel zu selten und deshalb ist das Ergebnis auch noch nicht so überragend … wenn ich mal wieder was habe, schicke ich es gern mal.

    Hast du denn auch schon mal was in Öl probiert?

    Nochmal dickes Lob für diese Anleitung und das schöne Ergebnis.
    Weiter so!

    Frank

  2. Lisa Pannek

    Vielen Dank 🙂

    Und für dich: Bloß immer dranbleiben! Wenn du Rat brauchst, melde dich gern.
    Mit Ölfarben habe ich noch gar nicht gemalt. Im Moment kann ich nur in meiner Wohnung arbeiten und Ölbilder sind geruchlich und durch die lange Trocknungszeit in der Wohnung eher unpraktisch. Ich wollte demnächst erst einmal Acryl mit trocknungsverzögernden Malmitteln ausprobieren, womit man ein ähnliches Ergebnis erzielen können soll.

    Viele Grüße!
    Lisa